#1 Was ist Religion? von Gysi 08.09.2014 08:58

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Was ist Religion?


Gemäß der umgangssprachlichen Definition ist Religion der Glaube an einen Gott (oder mehrere Götter).
Mit diesem Gott (oder diesen Göttern) stehen wir in unmittelbarer Kommunikation. Er kann (sie können) uns Weisungen erteilen, ungnädig gestimmt sein und wir können ihm (ihnen) folgen, ihm (ihnen) Besserung versprechen und seine (ihre) Gnade erflehen. Diese Götter können, dieser Gott kann, uns bis zur ewigen Höllenfolter strafen und bis zum ewigen paradiesischen Leben reich belohnen.

Der klassische Buddhismus bildet da eine Ausnahme. Er kommt ohne einen Gott aus, wird aber trotzdem gemeinhin den großen Weltreligionen zugeordnet. Was ihn jedoch mit den anderen Religionen verbindet: Er vertritt ein festes Weltbild und hat ein Lebenskonzept, das sich an etwas über die normale sinnliche Erfahrbarkeit Hinausreichendem orientiert.


Die Analyse des Begriffs "Religion" gibt dabei folgendes her: Das Wort "religio" kommt aus dem Griechischen und bedeutet "Rückbindung an...." Damit ist die Rückbindung an Ursächlichkeiten, Grundlagen, gemeint, die nicht mehr weiter hinterfragt werden, hinterfragt - "rückgebunden" - werden brauchen oder werden können. Sie ist die Rückbindung an die Erste Ursache. Das kann mit der Ursache der Erde und des Universums physikalisch oder mit (scheinbar) unbegründbaren Werten wie der Liebe und der Gerechtigkeit ethisch gemeint sein.
Nach gottgläubiger Vorstellung ist Gott der Schöpfer des Universums - weil er die Erste Ursache aller Existenz ist. Nach Vorstellung der meisten Gottgläubigen ist ihr geistiger Chef auch der Schöpfer der Liebe und der Gerechtigkeit.

Aber nach der Analyse des Begriffs "religio" ist Gott in ihm nicht zwingend involviert. "Rückbinden" kannst du dich auch an die Überwindung der Geburtenkette, dem Nirwana. Und schlussendlich kannst du dich auch an einem aktuellen Stand der Astrophysik "rückbinden", nach dem der zeit- und raumlose Zustand, aus dem das Universum kommen muss, auch die Erste Ursache ist!

Du kannst dich auch an die Einsicht "rückbinden", dass man vielleicht niemals nichts genaues weiß... Ist das nicht auch eine ehrenwerte, weil aufrichtige, "Rückbindung"? Das heißt, dass auch ein Atheist, sofern er sich um ein geschlossenes Weltbild bemüht, und/oder an Generalorientierungen wie die Gerechtigkeit glaubt - eigentlich religiös ist.

Der Atheist, das ist ja - gemeinhin - einer, der in der sinnlichen Wahrnehmung seiner Umwelt stecken bleibt, einer der nicht nach dem "Dahinter", nach dem Wesen fragt. Der Gottgläubige hingegen ist "spirituell", religiös - also tiefergehend.

Diese Begriffsverschmierungen haben viel mit der schon viele Jahrhunderte währenden Herrschaft der christlichen Kirchen hier zu tun. Alles was nicht kirchlich ist, wird auch sprachlich zurückgestuft. Nicht nur den Atheisten geht das so. Abspaltungen von der Mutterkirche werden abfällig als "Sekten" bezeichnet, und die großkirchliche Propaganda hat es fertig gebracht, sie in der öffentlichen Meinung als obskur, frömmlerisch, weltfremd und irregeleitet darzustellen - während die Kirchen ja die authentische Lehre vertreten.... Da gibt es keinen Dialog, keinen Austausch um des Verständnisses Willen, sondern nur Vernichtungskrieg... Kein Verhaltensbeispiel für die Jugend... Irgendwo jedoch naheliegend, dass die, die am lautesten nach "Gott" schreien, ihm (resp. seinen ihm unterstellten Qualitäten) am meisten fern sind. Irgendwo naheliegend, dass die, die die Nächstenliebe am lautesten lehren, aber von Gott erst mal empfangen haben möchten - statt sie zu leben - dieser Nächstenliebe am ehesten verschlossen sind.

Neue Religionen, die nicht auf der Basis der Mutterkirche fußen, wie seinerzeit die Sannyasin, sind noch gut bedient, als Sekte bezeichnet zu werden. Heidnische Ausrichtungen - die das Christentum damals ja mit der Hilfe der römischen Tribune und nordeuropäischen Könige verdrängte - werden noch geringer gesetzt und als "Kulte" bezeichnet...


Die „religio“ einer Gesetzesreligion

„Religio“ heißt, wie wir soeben schon feststellten: „Rückbindung an...“. Die monotheistischen Religionen (Judentum, Christentum und Islam) sind Gesetzesreligionen. In ihnen ist das Maß aller Dinge das göttliche Gesetz. Die Rückbindungsverpflichtung der Gläubigen ist die Unterwerfung unter das göttliche Gesetz.

Das kann aber in unserer modernen, demokratischn Gesellschaft nicht mehr funktionieren. Hier ist die Rückbindungsverpflichtung der Bürger gerichtet an unser MENSCHENGEMACHTES Gesetz! Und keiner der Religionen ist es gestattet, sich über dieses Gesetz zu stellen!

Was heißt „Religionsfreiheit“ in dem Zusammenhang? Jeder hat das Recht, mit Weltbildern und Gottesglauben zu spielen, wie ihm beliebt. Aber das hier herrschende Gesetz ist unsere uns selbst diktierte WIRKLICHE RELIGION, die nur das Volk zu ändern vermag. Allen anderen Religionen ist dieses Maß an Religionsausübung nicht gegeben!
„Du sollst keine anderen Götter haben neben mir!“ Wir beginnen, Moses zu verstehen...




Zum Wert des Gottesglaubens


Wenn es Gott gibt, dann ist Gott in der Wirklichkeit.
Sonst wäre er ja ein Phantasieprodukt.

Entpuppte sich Gott als ein Phantasieprodukt, verlöre er bis auf den Nullpunkt an Bedeutung.
Fazit: Die Wirklichkeit, resp. die Wahrheit, hat, logisch betrachtet, in unserer ehernen Werteskala einen höheren Wert als "Gott".
Die absolute Lebensorientierung unserer Leben ist folglich nicht "Gott", sie ist die WIRKLICHKEIT!

Oder: Gott ist die Wirklichkeit! Wie beliebt. Wir wissen ja, welche Interpretationsbreite der Gottesbegriff im Laufe seiner Geschichte erleiden musste...

Mit einem Gott, der so definiert ist, ist allerdings schwer zu diskutieren.
Wenn Gott nichts als die Wirklichkeit ist, dann wäre die Suche nach der Wahrheit und ihre Formulierung die dazu passende Religionsausübung. Die Kommunikationsform des Dialogs stünde über der der Predigt, die Seele wäre unsere Heilige Schrift und das Herz unser Altar! Deine Gedanken und dein Fühlen, deine Liebe, dein Schmerz und dein Schrei wären dein Gebet! Die Unterdrückung allen Widerspruchs wäre Gotteslästerung. Der "überzeugte" Glaube, wäre der falsche Glaube, das Ergebnis von Gehirnwäsche, Suggestion, Angstmache, ein von der Realitätswahrnehmung gereinigter Verstand.

Gott ist nicht als „Wirklichkeit“ zu definieren. Denn die Wirklichkeit ist alles, alles Wirkliche. Pantheismus definiert nichts, denn sie unterscheidet nicht. Der Gottesbegriff muss etwas bezeichnen, was von etwas abgrenzt, was nicht Gott ist!

Auch jeder Gläubige, der sich ernsthaft auf Logik einlässt, muss eingestehen, die Wirklichkeit - rein theoretisch - höher einzuschätzen als Gott!

Gott ist auch nicht die Liebe, die Gerechtigkeit, die Gnade, das Licht. Denn die Liebe ist die Liebe, die Gerechtigkeit die Gerechtigkeit, die Gnade die Gnade und das Licht ist das Licht!
Begriffsverschmierungen torpedieren jede Diskussion.
Uns allen ist (der monotheistische) Gott als eine Person beigebracht worden, der die Erde und die Menschen erschaffen hat und zu den Menschen als Richter, Lehrer, Belohner und Bestrafer in Verbindung steht. Gott scheint ein Interesse an unserem Gehorsam und unserer Unterwerfung zu haben.
Gott hat Eigenheiten und Ansprüche. Diese Eigenschaften gehören zu der Definition des Gottesbegriffs.

Woher kommt die Neigung, alle alternativen Urgrund-Formate, mit dem Begriff „Gott“ zu belegen? Weil auch die vom Glauben Abgefallenen auf die den Schutz eines Gottes, der dir das ewige Leben schenken kann, nicht verzichten wollen! Sie glauben nicht mehr an die Bibel, nicht mehr an den Katholizismus – soweit hat sie die Wirklichkeit eingefangen – aber die Folgen der Religionserziehung haftet noch: Der Gottglaube haftet noch, und zwar auffälligerweise im gleichen Format, wie er ihnen von denen beigebracht wurde, die sie jetzt ablehnen. Sie lehnen das Religionspaket ab, weil es unglaubwürdig ist. Aber sie lehnen den Gott dahinter nicht ab, weil der denen zu viele Vorteile verspricht. Sie gieren nach ihm, es beruhigt sie, den selbst gefundenen und als realistisch angenommenen Urgrund als Gott zu bezeichnen. Das muss doch der Gott sein, der mir das ewige Leben gibt! Nichts ist dabei nachvollziehbar. Die Gehirnwäsche wirkt nach.

Gott ist das Versprechen der Größe des Bleibenden, der Ewigkeit! Viele, die dejn Glauben an die herrschenden Religionen verloren haben, suchen die Göttlichkeit dafür - in sich! „Gott ist in uns allen!“ Der Verlust wirkt nach... Jeglicher Gottglaube ist im Grunde der Glaube an seiner eigenen Größe und Macht! Er ist das Instrument, mit dem sich der Mensch selbst erhöht!

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